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So leicht kommen wir nicht davon

Rezension von Janett Cernohuby | 24. August 2026

Und dann? Wie ging es eigentlich nach der Flucht aus der DDR weiter? Wie lebten sich Geflüchtete in ihrem neuen Leben in der BRD ein? Eine Frage, die sich sicherlich schon viele gestellt haben, die aber in Büchern selten beantwortet wird. Zwölf Jahre nach ihrem Jugendbuch „Jenseits der blauen Grenze“ kehrt Dorit Linke zu Hanna zurück, die nach ihrer dramatischen Flucht aus der DDR über die Ostsee bei ihrer Tante in Bremen einen Neuanfang versucht.

Ein Zurück gibt es nicht

Dorit Linke setzt in ihrer Fortsetzung genau dort an, wo ihr Jugendbuch endete: Bei Hannas Rettung aus der Ostsee. Erzählt in der Ich-Form, erinnert sich Hanna nur schemenhaft an den Moment, als sie aus dem Wasser gezogen wurde, als eine Ärztin sie im Boot erstversorgte. Klarer ist dann das Aufwachen im Krankenhaus und der Start in ihr neues Leben in Bremen. Klarer und umso schwieriger. Denn der Gewaltakt, den Hanna geleistet hat, als sie über die Ostsee schwamm, hat Spuren hinterlassen. Die sichtbaren sind mit der Zeit verheilt, doch die Spuren auf ihrer Seele bleiben. In Bremen angekommen versucht Hanna zwischen Partys und Schule ihren Weg zu finden. Als im November 1989 die Mauer fällt und sie zu ihrer Mutter nach Rostock zurückkehrt, muss sie allerdings erkennen, dass es kein Zurück mehr gibt. Statt ihre Familie wieder in die Arme zu schließen, wird sie mit Vorwürfen und Vorhaltungen überschüttet. Ja selbst mit Schuldzuweisungen an Andreas‘ Tod, der ihr natürlich schwer zusetzt. In Gedanken ist er immer noch bei ihr, spricht sie regelmäßig mit ihm. Es vergeht kaum ein Moment, in dem sie nicht an ihn denkt, sich fragt, wie es wohl wäre, wenn er mit ihr Fehnarm erreicht hätte. Wie er die Dinge sehen, einschätzen und kommentieren würde.

Und so kommt es natürlich zu der unweigerlichen Frage, ob sie nicht einfach noch etwas länger hätte durchhalten können. Nicht von der Leserschaft, nicht von Hanna selbst, sondern von ihrer Mutter, Andreas Mutter. Für sie ist die Sache natürlich recht einfach: Hanna ist schuld - an der Flucht, an Andreas Tod, an einfach allem. Doch lässt sich das wirklich so einfach herunterbrechen? Auf die Frage, nein den Vorwurf, zu ungeduldig gewesen zu sein und nicht genug durchgehalten zu haben?
Hannas Zerrissenheit bestimmt maßgeblich ihren weiteren Lebensweg. Sie fühlt sich verloren, sucht nach Halt, nach Raum zum Atmen, nach Antworten. Das findet sie erst auf einer Reise nach Schottland, wo sie Menschen trifft, die ihr mit Offenheit statt mit Vorwürfen begegnen. Hier endlich kann sprechen, reflektieren und Wunden heilen lassen. Und auch lernen zu lieben.

Emotional und berührend

Berührend und ergreifend erzählt Dorit Linke Hannas Geschichte nach der Flucht. Es ist kein stringent erzähltes Buch, das Punkt für Punkt von der Rettung auf Fehnarm bis zur Selbstfindung in Schottland berichtet. Wir springen zwischen verschiedenen Ereignissen hin und her, nicht immer chronologisch, aber dafür schlüssig und nachvollziehbar. Verschiedene Schlüsselereignisse verdeutlichen Entwicklungen, machen sie greifbar und versuchen ein Bild von einer Zeit der gesellschaftlichen Transformation, Ohnmacht, Verlust und Entwicklung zu zeigen. Dorit Linke beschreibt, erzählt, wertet aber zu keinem Zeitpunkt. Das überlässt sie der Leserschaft, die erwähnten Ereignisse für sich zu werten und sich ein Bild über die Nachwendezeit zu machen. Es war keine leichte Zeit, das ist klar. Und dennoch hat sie jede*r anders erlebt. Die einen sind in sie hineingewachsen, mit ihr aufgewachsen und haben sich damit zurechtgefunden. Andere sind vom Tempo der marktwirtschaftlichen Veränderung überrumpelt und überfordert worden. Vertrautes galt nicht mehr, Existenzen zerbrachen, es boten sich aber auch neue Möglichkeiten - und genau zwischen diesen wahnsinnigen Veränderungen versucht Hanna ihren Weg zu gehen. Versucht zurückzukehren in die Heimat, um zu erkennen, dass es diese so nicht mehr gibt. Für sie nicht mehr geben kann. Stattdessen findet sie in Schottland eine Neue.

Nach über zehn Jahren zu seinen Romanfiguren zurückzukehren und deren Geschichte weiterzuerzählen - eine Geschichte, die einerseits beendet ist, aber dennoch erst am Anfang steht - ist ein heikles Unterfangen. Es kann gelingen, es kann aber gnadenlos scheitern. Dorit Linke ist es gelungen mit „So leicht kommen wir nicht davon“ die perfekte Fortsetzung zu schreiben. Sie knüpft an, wo „Jenseits der blauen Grenze“ endetete und erzählt eine berührende und nachhallende Geschichte, die unter die Haut geht und, sofern man es erlebt habt, die eigene Nachwendezeit noch einmal durchleben lässt.
Absolut empfehlenswert.

Details

  • Autor*in:
  • Verlag:
  • Erschienen:
    08/2026
  • Umfang:
    248 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • Alter:
    14 Jahre
  • ISBN 13:
    9783401608532
  • Preis (D):
    16,00

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Atmosphäre:

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