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Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopold, der schweben konnte

von Rebecca Gugger, Simon Röthlisberger (Illustrator*in)
Rezension von Janett Cernohuby | 12. August 2026
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Wir alle werden mit besonderen Talenten geboren - und dann werden diese so verborgen und verformt, bis wir in Schubladen passen, die die Gesellschaft diktiert. Herr Leopold besaß einst ein besonderes Talent, denn er konnte schweben. Warum er es verlor, warum ihn alle auf den Boden holen wollten, das erzählt dieses wunderbare Bilderbuch.

Sich selbst treu bleiben

Schon als Baby war Herr Leopold anders. Kurz nach seiner Geburt bemerkten seine Eltern, dass er schweben konnte. Damit er nicht davonschwebte, hängten ihn seine Eltern schon damals kleine Sandsäcke an die Windeln. So blieb er stets in ihrer Reichweite. Herr Leopolds Schweben blieb natürlich nicht unbemerkt und bald schon untersuchten ihn zahlreiche Forscherinnen und Forscher. Sie führten viele Messungen und Berechnungen durch, doch den Grund für sein Schweben fanden sie dennoch nicht heraus. So wuchs Herr Leopold heran, störte sich nicht an seiner Andersartigkeit und schwebte zufrieden durch seine Kindheit. Weniger zufrieden waren die Menschen um ihn herum, die fanden, dass Schweben sich nicht gehöre. Man müsse mit beiden Beinen fest auf den Boden stehen, war ihre Ansicht. Und so fingen sie an, Herrn Leopold zu beschweren. Erst sagten sie ihm, er solle sich schwere Gedanken machen, als das aber nicht holf, banden sie ihm allerlei Dinge um. Irgendwann war sein Rucksack so voll beladen, dass er Herr Leopold tatsächlich am Boden blieb.
Die Jahre vergingen, die Erinnerung an das Schweben verblasste, das Gepäck wurde kleiner und Herr Leopold blieb auf dem Boden. Bis er eines Tages ein kleines Mädchen trifft, Mathilda, das über ihn dahinschwebt. Mit einem Mal erinnert sich Herr Leopold daran, dass auch er einmal schweben konnte. Dank Mathilde lernt er wieder, was es bedeutet, unbeschwert und voller Glück dahinschweben zu können und so kehrt das leichte Gefühl des Loslassens zurück.

Rebecca Gugger & Simon Röthlisberger: Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopold, ders chweben konnte

Unbeschwert leicht mit beflügelnder Botschaft

Was für ein kongeniales Bilderbuch! Was für eine leichtfüßige und so wertvolle Botschaft!
Bleib dir selber treu und lass dich nicht von anderen verbiegen. Dieses Bilderbuch erzählt auf feinfühlige und augenzwinkernde Weise so viel, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Es geht darum zu sein, wie man ist. Es geht um einzigartige Talente, die in einem schlummern und die man nicht verstecken soll. Schon gar nicht, weil die Gesellschaft es von einem verlangt. Die Geschichte zeigt aber auch, mit wie viel Beharrlichkeit unser Umfeld es dann doch schafft, besondere Fähigkeiten zu unterbinden. Schon im Säuglingsalter beginnt dieses Umformen, was hier wunderbar mit kleinen Sandsäcken an den Windeln dargestellt wird. Statt das schwebende Kind einfach anzunehmen, es zu fördern, will man es erforschen und analysieren. Und so bürdet man Herrn Leopold immer mehr auf. Aus kleinen Sandsäcken wird immer mehr Gepäck; schwere Gedanken, alltäglicher Kram, den er von nun an mit sich herumschleppt, der ihn beugt und niederdrückt.

Rebecca Gugger & Simon Röthlisberger: Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopold, ders chweben konnte

Herr Leopold bleibt am Boden - aber zu welchem Preis? Im Buch ist dieses Gepäck wunderbar illustriert. Man sieht Herrn Leopold mit einem riesigen Berg an Dingen: Alltagsgegenstände, Hobbys, Berufe, Verpflichtungen. Man kann die Schwere all dessen nicht nur sehen, man kann sie regelrecht fühlen; die Last des Lebens und der Erwartungen, die jungen Menschen mitgegeben wird. Manches davon wird zurückgelassen, vieles kommt auf dem Lebensweg zum Einsatz, so dass Herr Leopold im Alter frei von all dem Ballast ist. Doch mittlerweile hat das Leben ihn vergessen lassen, was es bedeutet, leichtfüßig und unbeschwert zu sein und glücklich durchs Leben zu schweben.
Erkennen wir uns in Herrn Leopold vielleicht wieder? Ein Stückchen zumindest? Haben auch wir verlernt auf das zu achten, was wirklich wichtig ist? Was das Leben besonders macht? Rennen wir nur noch Dingen nach, von denen ein Gesellschaftsbild uns einredet, dass sie erstrebenswert seien? Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, den Ballast all dessen abzulegen und unseren Kindern zu zeigen, dass sie sich diesen gar nicht erst aufladen sollen, sondern so bleiben, wie sie sind. Schwebend und leichtfüßig.

Rebecca Gugger & Simon Röthlisberger: Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopold, ders chweben konnte

„Die fabelhafte Geschichte von Herrn Leopold, der schweben konnte“ ist die Erinnerung an das glückliche Gefühl des Loslassens und Unbeschwertseins. Klug, feinfühlig und mit einer Leichtigkeit erzählt sie uns, wie wichtig es ist, sich selbst treu zu bleiben und dass wir nicht alles erklären müssen. Manchmal ist es besser, Dinge anzunehmen und sich davontragen zu lassen.

Details

Bewertung

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