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Ein Halstuch voller Lügen

von Annette Herzog, Maja Bohn (Illustrator*in)
Rezension von Janett Cernohuby | 17. Oktober 2023
Antolin Quiz

Wer einmal lügt, gerät schnell in die Gefahr, sich in weitere Lügen zu verstricken. Zu DDR-Zeiten jedoch lernte man schnell, wie wichtig Lügen sein können. Um dazuzugehören, eine Wohnung zu finden, nicht negativ aufzufallen. Unter der Lüge, einen wichtigen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten, wurden schon Kinder zu Pionieren ernannt und politisch erzogen. „Ein Halstuch voller Lügen“ lässt uns noch einmal in diese Zeit reisen und einen Kinderalltag hautnah miterleben.

Zur Gemeinschaft zu gehören

Gestern noch hat Sannes Mutter eine leerstehende Mietwohnung in Ostberlin besetzt, heute steht das zwölfjährige Mädchen bereits vor ihrer neuen Klasse und soll sich kurz vorstellen. Sanne kennt dieses unangenehme Gefühl, neu zu sein und nicht dazuzugehören. Schließlich ist es schon ihr dritter Schulwechsel. Vielleicht wäre alles einfacher, wenn ihre Mutter ihr erlauben würde, ein Pionier zu sein und an den Klassenaktivitäten teilnehmen zu können. Doch egal wie sehr Sanne darum bittet, ihre Mutter bleibt stur. Da beschließt das Mädchen, ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen. Sie bindet sich ein rotes Tuch um und behauptet einfach, Pionierin zu sein. Zusammen mit ihrer neuen Freundin Silke klappt das zunächst gut. Doch bald schon muss Sanne neue Lügen erzählen, um nicht aufzufliegen - vor ihrer neuen Freundin, vor ihrer Lehrerin, vor ihrer Mutter. Denn zum ersten Mal hat sie das Gefühl, endlich dazuzugehören. Doch dann gerät etwas ins Rollen, dass Sanne dazu bringt, reinen Tisch zu machen…

Ein Halstuch voller Lügen

Zwischen den Stühlen

Annette Herzog erzählt eine bewegende Geschichte aus dem Kinderalltag der 1980-iger Jahre in Ostberlin. Mit ihrem Buch lädt sie uns ein, ein zwölfjähriges Mädchen zu begleiten, dessen Leben nicht nach dem klassischen Schema F verläuft. Ihre Mutter hat sich von ihrem Lebensgefährten getrennt und ist mit den Kindern Hals über Kopf von Thüringen nach Berlin gezogen. Da sie auf offiziellem Weg keine Wohnung bekommen hat, versucht sie ihr Glück eben anders. Sie besetzt einfach eine Wohnung, meldet sich dort an und hofft, so durchs Raster zu rutschen. Für die zwölfjährige Sanne ist dies aber eine ziemliche Belastung. Sie merkt, dass dieses Vorgehen nicht richtig ist und hat ständig Angst davor, entdeckt zu werden. Dass es ihrer Mutter ähnlich geht, erkennt das kluge Mädchen schnell. Das ist aber nur die erste von vielen Lügen, die in den nächsten Wochen folgen. Sanne gibt vor, etwas zu sein, nur um dazuzugehören. Während Kinder dies heutzutage tun, um im Freundeskreis anerkannt zu werden, ging es damals um mehr. Denn nur als Pionier wurde man im Klassenverband akzeptiert, durfte an verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen und war ein Teil der sozialistischen Gemeinschaft. Was so einfach klingt, war für Kinder damals mit enormen Druck verbunden. Natürlich ist die Haltung der Mutter verständlich, die sich der Lügen des DDR-Regimes bewusst war und nicht wie viele andere mit dem Strom schwimmen wollte. Man kann aber auch Sannes kindlichen Wunsch nach Freundschaft und Zugehörigkeit verstehen und erkennt, dass es gar nicht so einfach war, einen Weg zu finden. Zum Glück braucht man für dieses Buch gar keine Partei ergreifen, sondern kann sich von der Geschichte treiben lassen. Sie vermittelt einen Einblick in den Schulalltag und das sozialistische Leben von Schulkindern zu DDR-Zeiten. Sie zeigt, wie Kinder dieses wahrnahmen und wie sorglos ihre Kindheit trotz allem verlief.

Ein Halstuch voller Lügen

„Ein Halstuch voller Lügen“ ist ein authentischer und bewegender Kinderroman, der uns einen Einblick in das Leben von Schulkindern in den 1980-iger Jahren der DDR gibt. Gefangen zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und Eigenständigkeit erleben wir, wie die zwölfjährige Sanne ihren Weg in einer Welt voller Lügen findet.

Details

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Illustration:
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